Einblicke in Beethovens Kompositionswerkstatt

 

Im Mittelpunkt des Abends standen die zahlreich überlieferten handschriftlichen Werkstattdokumente Ludwig van Beethovens; nicht unter den Gesichtspunkten der werkbetrachtenden Analyse, sondern unter dem Blickwinkel der Schrift- und Textanalyse („genetische Textkritik“) und den daraus gewonnen Einsichten über kompositorische Schreibprozesse. Prof. Dr. Bernhard R. Appel, hatte als Beispiel für Beethovens Werkstatt die Klaviersonate c-Moll, op. 111 ausgewählt. Er verglich die Methode der „genetischen Textkritik“ sehr anschaulich mit der Arbeitsweise in der Archäologie: durch „Grabungen“ im handschriftlichen Notentext versuche man, frühe von späteren Textfassungen zu trennen, um die Entstehung eines Werkes offenzulegen und den kreativen Arbeitsprozess des Wiener Meisters zu eruieren. Maja Hartwig demonstrierte anhand einer digitalisierten Seite von op. 111 die Möglichkeiten digitaler Textedition, die die Entstehung der Notentexte grafisch veranschaulicht. Der Abschluss des ersten Teils gehörte der Musik. Pianist Thomas Wypor trug das zweisätzige op. 111 vor.

Im Zentrum des zweiten Konzertteils stand Beethovens Liedschaffen. Dr. Elisa Novara hatte die letzte Textzeile von Beethovens Lied „Neue Liebe, neues Leben“, op.75/2 (1810; Text: J. W. v. Goethe) ausgesucht, um die Mühen, mit denen der Komponist nach einem wirkungsvollen Abschluss suchte, zu veranschaulichen. So gibt es von der letzten Zeile „Liebe! Liebe! Lass mich los!“ gleich mehrere Versionen, in denen er z.B. Varianten für die Singstimme ausprobierte. Dem Publikum wurden diese Versionen nicht nur auf einer Projektionsfläche aufgezeigt, sondern auch durch Thomas Wypior und Konstantin Ingenpaß (Bariton) zu Gehör gebracht. Prof. Dr. Joachim Veit vertrat in seinem Vortrag die These, dass in der Musikwissenschaft bedrucktes Papier wegen der Begrenztheit in der Darstellung zeitlicher Prozesse künftig durch die digitale Musikedition ersetzt würde. Den musikalischen Abschluss bildete Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“, op. 98. Vortragender war der Bariton Konstantin Ingenpaß, am Klavier begleitet wiederum von Thomas Wypior. Der Beifall des Auditoriums im voll besetzten Plenarsaal und Dankesworte des Generalsekretärs der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Prof. Dr. Claudius Geißler rundeten einen anregenden Abend ab.